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Erstellt vor 3 Monaten von Ellen_Schweda_FIGARO   |   335 mal aufgerufen

Brutale Bilder - Gerhard Richter in der Neuen Nationalgalerie

Kategorie: Kunst und Architektur

Irgendwann - ich vermute, in seinen jungen Jahren - hat Gerhard Richter einen Tisch gemalt. Ein monochromes Bild, grauer Hintergrund, davor fast schwarz die Silhouette: ein vermutlich kleiner, vermutlich runder Tisch mit schnörkeligem Fuß; Richter hat die äußere Form ganz sorgfältig nachgemalt, in schlichtem Schwarz. Und dann muss er einen breiten Pinsel zur Hand genommen und ihn in dünnes Hellgrau getaucht haben. Damit hat er den Tisch in drei-vier großen Schwüngen übermalt. Was bleibt, ist die Ahnung eines Tisches, die Idee.
Das Statement des Malers scheint mir unüberhörbar: Dem Wesen des Dinges kann ich nicht näher kommen als bis hierher, wo nicht sein Abbild, sondern unsere Idee von dem Ding sich zeigt. Ich muss diese Idee malen - das heißt: Ich muss, um den Tisch zu zeigen, ihn verbergen.
So entsteht ein Bild, das wahrer ist als die Realität.

Das Bild mit dem schlichten Titel "Tisch" hängt ganz am Eingang der aktuellen Schau in der Neuen Nationalgalerie. Wenn man sich nun umdreht, schaut man auf das zweite große Werk, das - wie ein Löwe an einem antiken Eingangsportal - die Besucher vor dem warnt, was hinter der Pforte lauert. Es ist ein Spiegel. Irgendwann - ich vermute in einer späteren Schaffensperiode - hat Gerhard Richter angefangen mit allen möglichen Arten von Spiegeln zu arbeiten. Dies ist ein ganz einfacher, großformatiger Spiegel, und er zeigt das Bild vom Tisch und die anderen Besucher der Ausstellung, und mich. Und nun wird mir auch klar, warum ein Spiegel von Gerhard Richter etwas anderes ist, als ein Spiegel von sonstwoher. Dieser hier stellt ein paar Fragen, und sie haben damit zu tun, was Wahrheit ist. Was wir eigentlich erkennen können, während wir doch bloß sehen.

Und so geht das weiter.
Die Schau Gerhardt Richter Panorama in der Neuen Nationalgalerie zerpflückt genussvoll Dinge wie Wahrheit, Wissen und Orientierung. Grau ist die beherrschende Farbe, seine Farbvarianten, der Farbauftrag - in manchen Bildern ist all das wichtiger als jedes Motiv. Und da sind Glascheiben - mal gestaffelt, mal geneigt, mal undurchsichtig - die uns selbst zeigen, und auch das was vor und was hinter ihnen ist, mit wechselnder Betonung. Farbstudien. Und die Portraits, die zu sagen scheinen: Von den Menschen um uns herum nehmen wir nur vage Abbilder wahr, und auch malend können wir sie nicht erfassen. Diese Bilder sind wie verschwommene Photos. Ich höre jemanden das Wort "Polaroid-Ästhetik" sagen und denke: Stimmt. Figuren die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und in einer seltsamen Unbestimmtheit verbleiben. Vergeblich versuchen wir, sie zu fixieren.
Das verschwommenste Bildnis von allen ist interessanterweise Richter's Selbstportrait. Nur bei Menschen die seltsam abwesend sind, wie "Die Lesende" oder die abgewandte "Betty" gibt es Details, die ganz fassbar werden.
Und dann ist da noch mal die Tochter, und diesmal sehen wir sie - schon fast überscharf. Sie schaut dem Maler direkt in die Augen und der erfasst ihren Blick und ihre Haltung mehr als fotografisch genau. Geich daneben hängt ein Blumenbild, das mit der gleichen Präzision abbildet, was gesehen und vielleicht doch zugleich erkannt wurde. Ich beneide den Maler um diesen Blick auf sein Kind.

Mein Eindruck: Richter ist konsequent, er verliert sich nicht in Andeutungen, sondern macht klare Aussagen. Wie schwierig es sein kann, komplexe Zuammenhänge und die Grenzen zwischen Wissen und Ahnen präzise zu beschreiben, das kenne ich gut. Wie oft landet man dann bei einem Rückgriff auf die Mystik, oder zumindest bei einer schiefen Metapher. Richter passiert sowas nicht.

Am Ende stoße ich auf ein Bild, das, wie ich später lese, eine digitale Version eines seiner abstrakten Gemälde darstellt. Die einzelnen Farben tauchen in Streifen wieder auf. Der Strichcode einer künstlerischen Idee.

Konsequent bis ins Jetzt.


+++Bild entfernt/unklare Urheberrechtslage+++Community_Betreuer+++

Liebe Community,
das ist kein redaktioneller Figaro-Beitrag (ich bin beileibe keine Kunstexpertin), sondern ein ganz persönlicher Eindruck von dieser Schau, die mich ziemlich beeindruckt hat. Freunde haben mich ermutigt, den Text hier zugänglich zu machen.

Es ist mein erster Beitrag hier, also sage ich an dieser Stelle offiziell "Hallo".
E.S.

16 Kommentare

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  • Profilbild von Ellen_Schweda_FIGARO

    Ellen_Schweda_FIGARO
    Weiß ich nicht, aber wenn es so ist, befinde ich mich in guter sophistischer Gesellschaft:
    "Fiction reveals truth that reality obscures" (Ralph Waldo Emerson) Sonntag, 11. März 2012, 22:28 Uhr

  • Profilbild von widderjan

    widderjan
    "Ich muss, um den Tisch zu zeigen, ihn verbergen.
    So entsteht ein Bild, das wahrer ist als die Realität."
    - Klingt das nicht sophistisch argumentiert? Freitag, 24. Februar 2012, 19:18 Uhr

  • Profilbild von Printmaker

    Printmaker
    @musicandus

    Das Bild wurde von Google auf dieser Seite abgegriffen: http://www.now010.com/eMag/coverPage/Eintrage/2...

    Dort steht es an 5. Position, offensichtlich mit falschem Text.

    Peanuts, und wieder mal ein Beispiel dafür, daß man nicht alles glauben darf was im Netz steht. Freitag, 24. Februar 2012, 09:38 Uhr

  • Profilbild von Ellen_Schweda_FIGARO

    Ellen_Schweda_FIGARO
    Hallo! Danke für die Kommentare. Also, warum "brutal"? Grund 1: Das ist die reißerische Schagzeile, mit der ich Sie hier auf diese Seite locken wollte... Grund 2: Die Bilder sind natürlich nicht "brutal" in einem blutrünstigen, gewalttätigen Sinne; sie sind von einer kühlen, klaren Gnadenlosigkeit, einer fast schmerzhaften Genauigkeit und Gedankenschärfe. Ich hab nach einem Wort gesucht, das das zusammenfasst... Vielleicht nicht lang genug. ;)
    Grüße in die Runde!
    E.S. Freitag, 24. Februar 2012, 08:13 Uhr

  • Profilbild von musicandus

    musicandus
    @Printmaker - Ist ja auch nicht so wichtig, nur erheiternd kurios:
    "gerhard richter sekretärin" bei google eingeben, an der linken Seite "Bilder" anklicken, zweites Bild von rechts mit dem cursor nur berühren, bei shapeimage 7.png: "Sekretärin 1964 - Öl auf Leinwand"

    (na ja, peanuts!) ;-) Donnerstag, 23. Februar 2012, 22:24 Uhr

  • Profilbild von Printmaker

    Printmaker
    @musicandus
    Das Bild "Ema (Akt auf der Treppe)" zeigt seine erste Frau, ich habe nichts darüber gefunden, daß es auch als "Sekretärin" betitelt wurde. Donnerstag, 23. Februar 2012, 20:39 Uhr

  • Profilbild von musicandus

    musicandus
    Nun ja, @Printmaker - auf verschiedenen Kunstseiten im Internet kann man neben diesem auch noch ein anderes Bild von Gerhard Richter entdecken betitelt "Sekretärin". Das gleiche Bild erscheint nochmal mit dem Titel "Ema(Akt auf der Treppe") - jedenfalls nicht so "brutal".........! ;-) Fehler in der Betitelung oder "ungeordnete Verhältnisse"..................? :-))))))))) Donnerstag, 23. Februar 2012, 18:02 Uhr

  • Profilbild von Printmaker

    Printmaker
    Vor einigen Wochen sah ich im Albertinum Dresden u. a. dieses Bild:
    http://www.artnet.de/magazine/gerhard-richter-i...

    Die Bezeichnung "brutal" sehe ich hier nicht als abwegig, wobei auch das etwa lebensgroße Format zu berücksichtigen ist. Donnerstag, 23. Februar 2012, 14:30 Uhr

  • Profilbild von exUser

    exUser
    Als brutal empfinde ich seine Bilder auch nicht, eher fühle ich in ihnen ein Gefühl von echter Freiheit. Sie sind aus einer Zwischenwelt. Donnerstag, 23. Februar 2012, 14:05 Uhr

  • Profilbild von musicandus

    musicandus
    Mir scheint, dass das, was Max Frisch über Bücher und über das Bücherlesen in seinen Tagebüchern gesagt hat, auch auf Bilder, deren Betrachtung und die Bildende Kunst überhaupt zutrifft. Danach hieße es - abgewandelt: Was zuweilen am meisten fesselt, sind Bilder, die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: es fallen uns hundert Dinge ein, die der Künstler noch nicht einmal erwähnt.........und vielleicht gehört es überhaupt zum Genuss des Anschauens von Bildern, dass der Betrachter (und der Interpret) vor allem den Reichtum seiner eigenen Gedanken (und Bilder im Kopf) entdeckt........
    Etwas hilflos stehe ich der Bezeichnung "brutale" Bilder gegenüber, wenn ich die Bedeutung des Wortes "brutal" heranziehe (=roh, fühllos, gewalttätig usw.), die man doch eher in Verbindung setzt mit konkreten und eindeutigen Inhalten. Betrifft das auch "Malweisen"? Ein bisschen komme ich in Versuchung, als "brutal" zu bezeichnen, wenn Gerhard Richter fotografische Vorlagen - z.B. Landschaften, die ich als "aesthetisch schön" bezeichnen würde - "brutal" übermalt.......;-)
    Ebenso wie die Frage, ob Bücher "autoriär und allgemeingültig" interpretiert werden, können gilt sie vielleicht in noch größerem Umfang für den Bereich bildende Kunst. Die Erläuterungen von Frau Schweda finde ich toll und hilfreich. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich beim Betrachten der Kunstwerke auf ganz andere Ideen kommen könnte..........Und ich denke, das ist legitim. Donnerstag, 23. Februar 2012, 11:18 Uhr

  • Profilbild von almaviva

    almaviva
    Richter ist einer der wirklich Großen unserer Zeit. Es geht nicht darum, was man sieht, sondern darum, was aus dieser Sichtung entsteht. Der Betrachter leistet sozusagen einen Teil der Arbeit des Künstlers, was ich für völlig opportun halte, die alten Meister haben auch nicht einfach schöne Bilder gemalt, sondern jede Menge Informationen übermittelt, von denen die meisten bis heute unentschlüsselt sind. Ich bin ein Verfechter der Ansicht, das Kunst bidirektional ist, eine Korrespondenz zwischen Produzent und Rezipient.

    Willkommen Ellen Schweda! Mittwoch, 22. Februar 2012, 21:59 Uhr

  • Profilbild von HWR

    HWR
    Ein "inoffizielles" Hallo zurück. ;-)

    Schöner Hinweis auf die Ausstellung. Mittwoch, 22. Februar 2012, 21:08 Uhr

  • Profilbild von syy

    syy
    Eine wundervoll anschaulich geschriebene Betrachtung zu Richters Kunst und inhaltlichem Ansatz. So habe ich ihn noch nicht gesehen, finde es aber gut nachvollziehbar. Bitte gerne mehr davon! Mittwoch, 22. Februar 2012, 19:09 Uhr

  • Profilbild von Lauramarie

    Lauramarie
    In dem Film " Painting" wird Richters Arbeitsweise gezeigt- ein Must für alle Richterfans und solche, die es werden wollen......
    Und den Künstler lernt man auch etwas näher kennen, Früh- und spätere Werke, den Zusammenhang der Themen, den Aufbau seiner Ausstellungen...

    Mittwoch, 22. Februar 2012, 18:55 Uhr

  • Profilbild von alabama

    alabama
    Ja ich denke auch der Beitrag ist aus dem Erlebten geschrieben dadurch sehr wahrhaftig und lebendig.
    Ich muss mir die Ausstellung mal ansehen dann kann ich mich dazu äußern. Mittwoch, 22. Februar 2012, 18:41 Uhr

  • Profilbild von yvokiwi

    yvokiwi
    Schöner Beitrag. willkommen. Ob mich das so mitreisst, Symphonie in Grau? Ich zweifle gerade ein bisschen, ob die Lust so groß wäre, dass ich mich auf den Weg mache, auch wenn viele meinen, es sei ein Muss. Mittwoch, 22. Februar 2012, 16:58 Uhr

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