Irgendwann - ich vermute,
in seinen jungen Jahren - hat Gerhard Richter einen Tisch gemalt.
Ein monochromes Bild, grauer Hintergrund, davor fast schwarz die
Silhouette: ein vermutlich kleiner, vermutlich runder Tisch mit
schnörkeligem Fuß; Richter hat die äußere Form ganz sorgfältig
nachgemalt, in schlichtem Schwarz. Und dann muss er einen breiten
Pinsel zur Hand genommen und ihn in dünnes Hellgrau getaucht haben.
Damit hat er den Tisch in drei-vier großen Schwüngen übermalt. Was
bleibt, ist die Ahnung eines Tisches, die Idee.
Das Statement des Malers scheint mir unüberhörbar: Dem Wesen des
Dinges kann ich nicht näher kommen als bis hierher, wo nicht sein
Abbild, sondern unsere Idee von dem Ding sich zeigt. Ich muss diese
Idee malen - das heißt: Ich muss, um den Tisch zu zeigen, ihn
verbergen.
So entsteht ein Bild, das wahrer ist als die
Realität.
Das Bild mit dem schlichten Titel "Tisch" hängt ganz am Eingang der
aktuellen Schau in der Neuen Nationalgalerie. Wenn man sich nun
umdreht, schaut man auf das zweite große Werk, das - wie ein Löwe
an einem antiken Eingangsportal - die Besucher vor dem warnt, was
hinter der Pforte lauert. Es ist ein Spiegel. Irgendwann - ich
vermute in einer späteren Schaffensperiode - hat Gerhard Richter
angefangen mit allen möglichen Arten von Spiegeln zu arbeiten. Dies
ist ein ganz einfacher, großformatiger Spiegel, und er zeigt das
Bild vom Tisch und die anderen Besucher der Ausstellung, und mich.
Und nun wird mir auch klar, warum ein Spiegel von Gerhard Richter
etwas anderes ist, als ein Spiegel von sonstwoher. Dieser hier
stellt ein paar Fragen, und sie haben damit zu tun, was Wahrheit
ist. Was wir eigentlich erkennen können, während wir doch bloß
sehen.
Und so geht das weiter.
Die Schau Gerhardt Richter Panorama in der Neuen Nationalgalerie
zerpflückt genussvoll Dinge wie Wahrheit, Wissen und Orientierung.
Grau ist die beherrschende Farbe, seine Farbvarianten, der
Farbauftrag - in manchen Bildern ist all das wichtiger als jedes
Motiv. Und da sind Glascheiben - mal gestaffelt, mal geneigt, mal
undurchsichtig - die uns selbst zeigen, und auch das was vor und
was hinter ihnen ist, mit wechselnder Betonung. Farbstudien. Und
die Portraits, die zu sagen scheinen: Von den Menschen um uns herum
nehmen wir nur vage Abbilder wahr, und auch malend können wir sie
nicht erfassen. Diese Bilder sind wie verschwommene Photos. Ich
höre jemanden das Wort "Polaroid-Ästhetik" sagen und denke: Stimmt.
Figuren die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und in einer
seltsamen Unbestimmtheit verbleiben. Vergeblich versuchen wir, sie
zu fixieren.
Das verschwommenste Bildnis von allen ist interessanterweise
Richter's Selbstportrait. Nur bei Menschen die seltsam abwesend
sind, wie "Die Lesende" oder die abgewandte "Betty" gibt es
Details, die ganz fassbar werden.
Und dann ist da noch mal die Tochter, und diesmal sehen wir sie -
schon fast überscharf. Sie schaut dem Maler direkt in die Augen und
der erfasst ihren Blick und ihre Haltung mehr als fotografisch
genau. Geich daneben hängt ein Blumenbild, das mit der gleichen
Präzision abbildet, was gesehen und vielleicht doch zugleich
erkannt wurde. Ich beneide den Maler um diesen Blick auf sein
Kind.
Mein Eindruck: Richter ist konsequent, er verliert sich nicht in
Andeutungen, sondern macht klare Aussagen. Wie schwierig es sein
kann, komplexe Zuammenhänge und die Grenzen zwischen Wissen und
Ahnen präzise zu beschreiben, das kenne ich gut. Wie oft landet man
dann bei einem Rückgriff auf die Mystik, oder zumindest bei einer
schiefen Metapher. Richter passiert sowas nicht.
Am Ende stoße ich auf ein Bild, das, wie ich später lese, eine
digitale Version eines seiner abstrakten Gemälde darstellt. Die
einzelnen Farben tauchen in Streifen wieder auf. Der Strichcode
einer künstlerischen Idee.
Konsequent bis ins Jetzt.
+++Bild entfernt/unklare Urheberrechtslage+++Community_Betreuer+++
Liebe Community,
das ist kein redaktioneller Figaro-Beitrag (ich bin beileibe keine
Kunstexpertin), sondern ein ganz persönlicher Eindruck von dieser
Schau, die mich ziemlich beeindruckt hat. Freunde haben mich
ermutigt, den Text hier zugänglich zu machen.
Es ist mein erster Beitrag hier, also sage ich an dieser Stelle
offiziell "Hallo".
E.S.


16 Kommentare
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Ellen_Schweda_FIGARO
Weiß ich nicht, aber wenn es so ist, befinde ich mich in guter sophistischer Gesellschaft:
"Fiction reveals truth that reality obscures" (Ralph Waldo Emerson) Sonntag, 11. März 2012, 22:28 Uhr
widderjan
"Ich muss, um den Tisch zu zeigen, ihn verbergen.
So entsteht ein Bild, das wahrer ist als die Realität."
- Klingt das nicht sophistisch argumentiert? Freitag, 24. Februar 2012, 19:18 Uhr
Printmaker
@musicandus
Das Bild wurde von Google auf dieser Seite abgegriffen: http://www.now010.com/eMag/coverPage/Eintrage/2...
Dort steht es an 5. Position, offensichtlich mit falschem Text.
Peanuts, und wieder mal ein Beispiel dafür, daß man nicht alles glauben darf was im Netz steht. Freitag, 24. Februar 2012, 09:38 Uhr
Ellen_Schweda_FIGARO
Hallo! Danke für die Kommentare. Also, warum "brutal"? Grund 1: Das ist die reißerische Schagzeile, mit der ich Sie hier auf diese Seite locken wollte... Grund 2: Die Bilder sind natürlich nicht "brutal" in einem blutrünstigen, gewalttätigen Sinne; sie sind von einer kühlen, klaren Gnadenlosigkeit, einer fast schmerzhaften Genauigkeit und Gedankenschärfe. Ich hab nach einem Wort gesucht, das das zusammenfasst... Vielleicht nicht lang genug. ;)
Grüße in die Runde!
E.S. Freitag, 24. Februar 2012, 08:13 Uhr
musicandus
@Printmaker - Ist ja auch nicht so wichtig, nur erheiternd kurios:
"gerhard richter sekretärin" bei google eingeben, an der linken Seite "Bilder" anklicken, zweites Bild von rechts mit dem cursor nur berühren, bei shapeimage 7.png: "Sekretärin 1964 - Öl auf Leinwand"
(na ja, peanuts!) ;-) Donnerstag, 23. Februar 2012, 22:24 Uhr
Printmaker
@musicandus
Das Bild "Ema (Akt auf der Treppe)" zeigt seine erste Frau, ich habe nichts darüber gefunden, daß es auch als "Sekretärin" betitelt wurde. Donnerstag, 23. Februar 2012, 20:39 Uhr
musicandus
Nun ja, @Printmaker - auf verschiedenen Kunstseiten im Internet kann man neben diesem auch noch ein anderes Bild von Gerhard Richter entdecken betitelt "Sekretärin". Das gleiche Bild erscheint nochmal mit dem Titel "Ema(Akt auf der Treppe") - jedenfalls nicht so "brutal".........! ;-) Fehler in der Betitelung oder "ungeordnete Verhältnisse"..................? :-))))))))) Donnerstag, 23. Februar 2012, 18:02 Uhr
Printmaker
Vor einigen Wochen sah ich im Albertinum Dresden u. a. dieses Bild:
http://www.artnet.de/magazine/gerhard-richter-i...
Die Bezeichnung "brutal" sehe ich hier nicht als abwegig, wobei auch das etwa lebensgroße Format zu berücksichtigen ist. Donnerstag, 23. Februar 2012, 14:30 Uhr
exUser
Als brutal empfinde ich seine Bilder auch nicht, eher fühle ich in ihnen ein Gefühl von echter Freiheit. Sie sind aus einer Zwischenwelt. Donnerstag, 23. Februar 2012, 14:05 Uhr
musicandus
Mir scheint, dass das, was Max Frisch über Bücher und über das Bücherlesen in seinen Tagebüchern gesagt hat, auch auf Bilder, deren Betrachtung und die Bildende Kunst überhaupt zutrifft. Danach hieße es - abgewandelt: Was zuweilen am meisten fesselt, sind Bilder, die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: es fallen uns hundert Dinge ein, die der Künstler noch nicht einmal erwähnt.........und vielleicht gehört es überhaupt zum Genuss des Anschauens von Bildern, dass der Betrachter (und der Interpret) vor allem den Reichtum seiner eigenen Gedanken (und Bilder im Kopf) entdeckt........
Etwas hilflos stehe ich der Bezeichnung "brutale" Bilder gegenüber, wenn ich die Bedeutung des Wortes "brutal" heranziehe (=roh, fühllos, gewalttätig usw.), die man doch eher in Verbindung setzt mit konkreten und eindeutigen Inhalten. Betrifft das auch "Malweisen"? Ein bisschen komme ich in Versuchung, als "brutal" zu bezeichnen, wenn Gerhard Richter fotografische Vorlagen - z.B. Landschaften, die ich als "aesthetisch schön" bezeichnen würde - "brutal" übermalt.......;-)
Ebenso wie die Frage, ob Bücher "autoriär und allgemeingültig" interpretiert werden, können gilt sie vielleicht in noch größerem Umfang für den Bereich bildende Kunst. Die Erläuterungen von Frau Schweda finde ich toll und hilfreich. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich beim Betrachten der Kunstwerke auf ganz andere Ideen kommen könnte..........Und ich denke, das ist legitim. Donnerstag, 23. Februar 2012, 11:18 Uhr
almaviva
Richter ist einer der wirklich Großen unserer Zeit. Es geht nicht darum, was man sieht, sondern darum, was aus dieser Sichtung entsteht. Der Betrachter leistet sozusagen einen Teil der Arbeit des Künstlers, was ich für völlig opportun halte, die alten Meister haben auch nicht einfach schöne Bilder gemalt, sondern jede Menge Informationen übermittelt, von denen die meisten bis heute unentschlüsselt sind. Ich bin ein Verfechter der Ansicht, das Kunst bidirektional ist, eine Korrespondenz zwischen Produzent und Rezipient.
Willkommen Ellen Schweda! Mittwoch, 22. Februar 2012, 21:59 Uhr
HWR
Ein "inoffizielles" Hallo zurück. ;-)
Schöner Hinweis auf die Ausstellung. Mittwoch, 22. Februar 2012, 21:08 Uhr
syy
Eine wundervoll anschaulich geschriebene Betrachtung zu Richters Kunst und inhaltlichem Ansatz. So habe ich ihn noch nicht gesehen, finde es aber gut nachvollziehbar. Bitte gerne mehr davon! Mittwoch, 22. Februar 2012, 19:09 Uhr
Lauramarie
In dem Film " Painting" wird Richters Arbeitsweise gezeigt- ein Must für alle Richterfans und solche, die es werden wollen......
Und den Künstler lernt man auch etwas näher kennen, Früh- und spätere Werke, den Zusammenhang der Themen, den Aufbau seiner Ausstellungen...
Mittwoch, 22. Februar 2012, 18:55 Uhr
alabama
Ja ich denke auch der Beitrag ist aus dem Erlebten geschrieben dadurch sehr wahrhaftig und lebendig.
Ich muss mir die Ausstellung mal ansehen dann kann ich mich dazu äußern. Mittwoch, 22. Februar 2012, 18:41 Uhr
yvokiwi
Schöner Beitrag. willkommen. Ob mich das so mitreisst, Symphonie in Grau? Ich zweifle gerade ein bisschen, ob die Lust so groß wäre, dass ich mich auf den Weg mache, auch wenn viele meinen, es sei ein Muss. Mittwoch, 22. Februar 2012, 16:58 Uhr